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Brünn (AAP) - Moderne Kriege haben eine eigentümliche Besonderheit: Sie bringen mehr Verlautbarungen hervor als Sieger. In Mähren jedoch haben die Waffen mit einer Deutlichkeit gesprochen, die die Federn bereits kaum noch wiederzugeben vermögen.
Am 2. Juli rückten die Truppen des Herzogtums Krakau auf Ersuchen der Regierung unter Anna Astoria in Brünn ein. Wenige Stunden später hatte die Armee Death Ripple, die unter österreichischem Banner kämpfte, aufgehört zu existieren. In der darauffolgenden Nacht wurde auch Královský praporec geschlagen, ihr Kommando zerschlagen und ihre Überlebenden aus der Stadt vertrieben. Militärische Lagekarten sind einfach zu lesen. Politische niemals.
Denn während die Aufständischen ihre Armeen verloren, behielten sie das Rathaus. Während die Regierung auf dem Schlachtfeld einen Sieg errang, musste sie feststellen, dass ein Verwaltungsgebäude mitunter länger standhält als eine Festung. Das ist das eigentümliche Vorrecht eines Bürgerkrieges: Man kann verlieren und dennoch weiterhin über etwas herrschen.
Die Rolle Österreichs beschäftigt bereits die Kanzleien Europas. Die mährischen Behörden werfen Wien vor, seine Fahne mit einer Geduld über einer Rebellenarmee wehen gelassen zu haben, die beinahe an Gleichgültigkeit grenzte. Die österreichischen Stellen wiederum scheinen sich jener alten diplomatischen Kunst bedient zu haben, Vorwürfe dadurch zu beantworten, dass sie auf die nächste Amtsstube verweisen. Am Ende verschwand das Banner nicht durch einen Verwaltungsakt, sondern weil die Armee, die es trug, vernichtet wurde. Kanonenkugeln erledigen manche Akten schneller als Diplomaten. Kaum hatte sich der Pulverdampf verzogen, begann bereits eine neue Schlacht.
Nach Auffassung Krakaus war der Feldzug ein Musterbeispiel dafür, einer demokratisch gewählten Regierung gegen einen Aufstand beizustehen. Die Gegner eben dieser Regierung sehen in denselben Ereignissen hingegen den Beweis für das Wirken verborgener Einflüsse, jener ewigen »Strippenzieher«, die jede Generation endlich entlarvt zu haben glaubt, ohne jemals jene zu überzeugen, die nicht ohnehin bereits überzeugt waren. So entdeckt Mähren eine alte Wahrheit. Eine Armee zu vernichten ist leichter, als eine Deutung zum Schweigen zu bringen.
Die Toten stimmen nicht mehr ab. Die Überlebenden hingegen schreiben die Geschichte bereits neu. Die einen sprechen von der Wiederherstellung der Ordnung. Die anderen von der Enteignung der Legitimität. Beide Seiten berufen sich mit bemerkenswerter Beharrlichkeit auf das Volk, als hätte dieses die Höflichkeit besessen, gleichzeitig überall anwesend gewesen zu sein.
Währenddessen zählt Brünn seine Verwundeten, seine beschädigten Mauern und seine zerrissenen Institutionen.
Straßburg (AAP) - Die modernen Kriege leiden an einem eigentümlichen Übel: Jeder erklärt sich mit einer Leichtigkeit zum Sieger, die in umgekehrtem Verhältnis zu den tatsächlich erreichten Ergebnissen steht. Eine Stadt fällt, ein Heer weicht zurück, ein Banner wird niedergerissen, und schon verkünden die Kanzleien den Triumph. Doch diese sichtbaren Zeichen bilden nur die Oberfläche der Ereignisse.
Es ist zur Gewohnheit geworden, den taktischen Erfolg mit dem politischen Sieg zu verwechseln. Die Feldzüge, welche heute Italien erschüttern, liefern hierfür beinahe ein vollkommenes Beispiel. Siena hält stand, Mantua wird eingenommen und wieder geräumt, Venedig wechselt den Besitzer, nur um erneut zum Kriegsschauplatz zu werden, Linz behauptet sich, während sich die Heere der AEGIS, des Heiligen Römischen Reiches, Venedigs, des Königreichs beider Sizilien und des Osmanischen Reiches bewegen wie Massen, die einer Schwerkraft folgen, deren Ursache die Beobachter kaum noch erkennen.
Die Landkarte verändert sich beinahe wöchentlich. Die Politik weit weniger. Seit einigen Tagen hat sich der öffentliche Platz in eine Akademie der Strategie verwandelt. Man berechnet den Nutzen einer Eroberung, zählt Minen, Wälder, Häfen, Steuereinnahmen und politische Mehrheiten. Bei dieser Rechnung drängt sich eine Erkenntnis auf: Kaum eine Provinz hätte tatsächlich einen Vorteil davon, ihren Nachbarn zu annektieren. Die administrativen, militärischen und politischen Kosten übersteigen meist den materiellen Gewinn.
Diese Schlussfolgerung ist richtig. Sie bleibt dennoch unvollständig. Denn sie setzt voraus, dass der Krieg notwendigerweise ein territoriales Ziel verfolgt. Eine eroberte Stadt ist jedoch noch keine unterworfene Stadt. Der Bauer öffnet weiterhin seine Werkstatt, führt seine Ochsen auf das Feld und verkauft sein Getreide auf dem Markt. Er mag nicht einmal den Namen jenes Herrschers kennen, dessen Banner nun über den Mauern weht. Für ihn bleibt der Krieg ein fernes Geräusch. Die Einnahme einer Burg bedeutet bereits einen tieferen Einschnitt.
Wer die Burg besitzt, beherrscht nicht nur ihre Mauern, er verfügt über die Werkzeuge der Herrschaft. Die Steuern fließen an einen neuen Herrn. Die Bergwerke werden von einer neuen Verwaltung geführt. Die Märkte unterliegen neuen Vorschriften. Die Beamten leisten einen neuen Eid. Und doch genügt selbst dies noch nicht. Der eigentliche Akt der Eroberung beginnt erst dort, wo der Sieger Recht spricht. Wenn er die Bewohner vor seine Gerichte lädt. Wenn er Geldstrafen verhängt. Wenn er einsperrt. Wenn er verurteilt. Wenn er den Galgen errichten lässt. Erst dann blickt der Besiegte nicht mehr auf ein Banner, sondern auf eine Obrigkeit.
Die jüngsten Bekanntmachungen aus Österreich bezeugen diese Wirklichkeit beinahe unfreiwillig. Sie sprechen weniger von verlorenen Gebieten als von Bürgern der Steiermark, die vor Gericht gestellt werden, nur weil sie nun unter einer anderen Herrschaft leben. Nicht das feindliche Heer ist zur eigentlichen Furcht geworden, sondern der feindliche Richter. Hier liegt der wahre Schwerpunkt eines Krieges. Der Sieg besteht nicht darin, mehr Meilen zurückgelegt zu haben als der Gegner. Er besteht darin, den eigenen Willen an die Stelle des Willens des Feindes zu setzen.
Alles Übrige ist Bewegung. Märsche, Belagerungen, Schlachten, Rückzüge und Eroberungen gehören zum Bereich der Mittel. Ihren Sinn erhalten sie allein durch das politische Ziel, dem sie dienen. Vielleicht erklärt gerade dies den eigentümlichen Eindruck, den die gegenwärtigen Feldzüge hinterlassen. Jeder rückt vor. Jeder weicht zurück. Jeder verkündet seinen Sieg.
Und dennoch arbeiten überall die Verwaltungen weiter, öffnen die Märkte wieder ihre Tore, bestellen die Bauern ihre Felder, während die Kanzleien neue Verlautbarungen verfassen. Die Heere besetzen die Straßen. Die Regierungen versuchen noch immer, die Menschen zu beherrschen. Der Unterschied ist erheblich. Denn wer eine Stadt einnimmt, gewinnt eine Operation. Wer sein Recht zu herrschen anerkennen lässt, gewinnt den Krieg.