
Helsingør (AAP) - Die Menschen lieben es, alten Dingen neue Namen zu geben und neuen Dingen alte Namen. Dies ist eine Schwäche, die die Geschichte mit Nachsicht betrachtet, die sie jedoch niemals ungestraft lässt.
So erfahren wir, dass am fünfzehnten Tage des April im Jahre 1474 Finnland, Großpolen und Nowgorod ein Bündnis geschlossen haben, das sie „Baltische Union“ nennen. Die Namenswahl erstaunt den aufmerksamen Geist, denn die Baltische Union existiert bereits in den Annalen des Nordens. Sie wurde fünfzehn Jahre zuvor gegründet, als Masowien, Finnland, Nowgorod und später auch Dänemark versuchten, eine Gemeinschaft von Häfen, Kaufleuten und Seefahrern aufzubauen, vereint gegen die Gefahren des Meeres.
Jene erste Union war nicht vollkommen, denn kein menschliches Werk ist es. Dennoch beruhte sie auf einem einfachen und vernünftigen Gedanken: Die Völker, die ein gemeinsames Meer teilen, gewinnen mehr durch Zusammenarbeit als durch Plünderung. Man tauschte Nachrichten aus, schützte die Häfen und verfolgte die Piraten. Manche fanden dort sogar etwas, das seltener ist als Verträge selbst: eine Form von Freundschaft.
Schweden gehörte zwar nie offiziell zu den Unterzeichnern, nahm jedoch häufig faktisch an diesem Austausch teil. Deshalb rief die Entscheidung Finnlands im Jahre 1461, das Abkommen als „überholt“ zu bezeichnen, einiges Erstaunen hervor. Noch bemerkenswerter war das Schauspiel derselben Behörden, die einerseits für die Erweiterung der Union eintraten und andererseits eilfertig austraten, bevor finnische Schiffe schwedische Fahrzeuge angriffen. Man kann gewissen Regierungen zumindest nicht vorwerfen, es mangele ihnen an Folgerichtigkeit, wenn sie zuvor die Regeln kündigen, die sie anschließend zu verletzen beabsichtigen.
Die folgenden Jahre zeigten, wie verwundbar die Ostsee blieb. Piraten aus Großpolen, Glücksritter und später die berüchtigte Banda durchstreiften die Gewässer mit einer Freiheit, die die Küstenmächte dauerhaft nicht einzuschränken vermochten. Nach und nach hörte die alte Union auf zu leben, ohne jemals offiziell beerdigt worden zu sein. Wie ein verlassenes Schiff am Kai verfiel sie langsam, ohne dass jemand sich die Mühe machte, ihren Tod festzustellen.
Dann kam das Jahr 1473 und die Initiative Nowgorods, die Institution wiederzubeleben. Die Reden waren schön. Man sprach von Frieden, Brüderlichkeit und gemeinsamem Wohlstand. Gesandte trafen sich, Kanzleien wechselten Schreiben aus, und die Chronisten bereiteten sich darauf vor, ein neues Kapitel nordischer Eintracht zu beschreiben. Dann zeigte sich erneut jene eigentümliche Gewohnheit mancher Fürsten, ihre Worte durch ihre Taten zu widerlegen.
Während die Verhandlungen noch andauerten, entschied sich Finnland für den Weg der Waffen und marschierte gegen Gefle. Später unterstützte sein neuer Herrscher dieses Unternehmen öffentlich und verlangte Belohnungen und Entschädigungen für jene, die daran teilgenommen hatten. Wenige Monate darauf erfüllten neue Piraterievorwürfe gegen Schiffe aus denselben Machtkreisen die Nordsee.
Und dennoch wurde gerade in diesem Zusammenhang die neue Baltische Union ausgerufen. Der unparteiische Beobachter bleibt ratlos. Denn kaum war der Vertrag unterzeichnet, erschienen die Schiffe der neuen Verbündeten vor dem Hafen von Gefle. Die vereinte Flotte Finnlands und Großpolens schloss den Hafen ein, eröffnete das Feuer und verwandelte sämtliche dort liegenden Schiffe in Wracks. Kaufleute oder Kriegsschiffe, bewaffnet oder unbewaffnet – alle sanken auf den Grund des Meeres. Als die Kanonen endlich schwiegen, war vom schwedischen Hafen kaum mehr als ein Verzeichnis von Verlusten geblieben.
Man muss nun die ersten Zeilen des Vertrages erneut lesen, welche das „Wohl“, den „Wohlstand“ und die „Sicherheit“ der baltischen Region beschwören. Die Worte bleiben bewundernswert. Die Umstände ihrer Anwendung laden eher zur Nachdenklichkeit als zur Begeisterung ein.
Eine Frage bleibt über den dunklen Wassern hängen wie ein Stern am Nachthimmel: Wusste Nowgorod tatsächlich nicht, was sich vorbereitete, als die Siegel unter den Vertrag gesetzt wurden? Oder messen die Unterzeichner inzwischen den Wohlstand einer Region an der Zahl der Wracks auf ihrem Meeresgrund?
Das Bemerkenswerteste ist vielleicht, dass selbst die Natur beschlossen zu haben scheint, sich an der Debatte zu beteiligen. Gegen Ende des Monats Mai erhoben sich die Nordstürme mit ungewöhnlicher Heftigkeit. Bald verbreiteten sich Gerüchte, wonach mehrere mächtige finnische Kriegsschiffe von den Fluten verschlungen worden seien. Die Klugen wissen, dass Gerüchten mit Vorsicht zu begegnen ist; sie wissen jedoch auch, dass das Meer bisweilen über ein längeres Gedächtnis verfügt als manche Kanzlei.
Und siehe da: Fast unmittelbar darauf sprach Admiralin Katarina-Sofia von Nowgorod von der Notwendigkeit, die Struktur der Union zu überdenken, weitere Mächte einzubeziehen und jede Form von Feindseligkeit unmissverständlich zurückzuweisen. Es wäre unklug, diese Entwicklung nicht zu begrüßen.
Denn wenn die erste Baltische Union gegen die Piraterie gegründet wurde, während die zweite damit begann, jene aufzunehmen, denen viele eben solche Methoden vorwerfen, dann bleibt ihren Architekten vielleicht noch die Gelegenheit zu beweisen, dass sie eine dauerhafte Gemeinschaft errichten wollen und nicht bloß eine Zweckgemeinschaft des Augenblicks. Die Geschichte ist geduldig. Sie urteilt weniger über Verträge als über die Taten, die ihnen folgen. Darum warten die Völker des Nordens heute weniger auf neue Unterschriften als auf neues Verhalten.
Zu lesen : Baltic Union from the past to the present
Hieronymus Rhenanus Für die KAP-Agentur der Länder in Mitte
Um das Recht auf Gegendarstellung einzufordern - die internationale KAP